Was der Konjunkturzyklus beschreibt
Die Wirtschaft wächst nicht gleichmäßig. Sie wächst in Wellen. Mal kaufen Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland mehr, mal weniger. Mit der Nachfrage steigen oder sinken Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Eine ganze Welle, von einem Aufschwung bis zum nächsten, nennen Ökonomen einen Konjunkturzyklus.
Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt im Lexikon der Wirtschaft vier Größen, die den Verlauf bestimmen: die Nachfrage der privaten Haushalte, die Investitionen der Unternehmen, die Einnahmen und Ausgaben des Staates sowie Importe und Exporte. Dazu kommt etwas, das in keiner Statistik steht: Stimmung. Optimismus verstärkt einen Aufschwung, Pessimismus einen Abschwung.
Ich habe diesen Artikel 2023 zum ersten Mal geschrieben, damals für Krypto-Anleger. Hier steht die überarbeitete Fassung für alle, die Aktien und ETFs halten. Die Phasen sind dieselben geblieben.
Die vier Phasen
1. Aufschwung
Die Wirtschaft wächst. Unternehmen bekommen mehr Aufträge, stellen ein und investieren. Die Arbeitslosigkeit sinkt, meist mit etwas Verzögerung. Weil mehr Menschen Arbeit haben, kaufen sie mehr. Das stützt den Aufschwung von selbst. Die Bundeszentrale nennt diese Phase auch Erholung oder Expansion.
2. Hochkonjunktur
Die Wirtschaft läuft auf hohen Touren. Viele Betriebe arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze. Die Nachfrage ist größer als das, was kurzfristig produziert werden kann. Deshalb steigen die Preise oft schneller. Zentralbanken reagieren darauf in der Regel mit höheren Leitzinsen. Kredite werden teurer, Investitionen lohnen sich weniger. Das bremst.
3. Abschwung
Nachfrage und Investitionen sinken. Unternehmen fahren die Produktion zurück und stellen weniger ein. Dauert der Rückgang länger und erfasst er weite Teile der Wirtschaft, spricht man von einer Rezession. In den Medien gilt oft eine Faustregel: Sinkt das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge, ist das eine technische Rezession. Der Sachverständigenrat datiert genauer. Er orientiert sich an den Verfahren des NBER für die USA und des CEPR für den Euroraum und schaut auf viele Daten gleichzeitig, beschrieben in seinem Arbeitspapier 13/2018.
4. Tief
Die Wirtschaft erreicht ihren Boden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Betriebe sind schwach ausgelastet. Zentralbanken senken in dieser Phase meist die Zinsen, Regierungen stützen die Nachfrage. Ist das Tief besonders tief und lang, heißt es Depression. Danach beginnt der nächste Aufschwung, und der Zyklus startet von vorn.
Die Grenzen zwischen den Phasen sind fließend. Kein Zyklus läuft wie der vorige. Die vier Phasen sind ein Modell, kein Fahrplan.
Wie lange ein Zyklus dauert
Für Deutschland hat der Ökonom Till Strohsal den Zyklus vermessen. Sein Ergebnis im Wirtschaftsdienst 2018: Ein typischer deutscher Konjunkturzyklus dauert etwa vier bis fünf Jahre. Der Sachverständigenrat hatte bei seiner Veröffentlichung 2022 für Deutschland seit 1950 sechs Rezessionen und sieben Aufschwünge datiert. Den jüngsten Hochpunkt legte er auf das vierte Quartal 2019, kurz vor der Corona-Rezession.
Für die USA gibt es die längste Reihe. Das NBER führt eine Tabelle aller Aufschwünge und Abschwünge seit 1854. Die Durchschnitte:
| Zeitraum | Abschwung | Aufschwung | Zyklus von Tief zu Tief |
|---|---|---|---|
| 1854 bis 2020 | 17,0 Monate | 41,4 Monate | 58,4 Monate |
| 1945 bis 2020 | 10,3 Monate | 64,2 Monate | 74,5 Monate |
Seit 1945 sind die Abschwünge also kürzer geworden und die Aufschwünge länger. Die Durchschnitte verdecken aber große Unterschiede. Die Corona-Rezession dauerte in den USA zwei Monate, die Finanzkrise von Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte 18 Monate. Der Aufschwung dazwischen lief 128 Monate. Die Große Depression dauerte vom August 1929 bis zum März 1933, also 43 Monate.
Vier Indikatoren für die aktuelle Phase
Ob ein Abschwung begonnen hat, steht offiziell erst Monate später fest. Diese vier Zahlen zeigen früher, wohin es geht.
Bruttoinlandsprodukt. Das BIP misst alles, was in einem Land produziert wird. Das Statistische Bundesamt meldet es jedes Quartal. Es ist die wichtigste Zahl, kommt aber spät und wird oft nachträglich korrigiert.
ifo-Geschäftsklimaindex. Das ifo-Institut befragt jeden Monat Tausende Unternehmen zu ihrer Lage und zu ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Das ifo selbst nennt den Geschäftsklimaindex den wichtigsten Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Er dreht oft, bevor sich das BIP bewegt.
Arbeitslosigkeit. Unternehmen entlassen erst, wenn sie sicher sind, dass die Aufträge wegbleiben. Und sie stellen erst wieder ein, wenn der Aufschwung trägt. Deshalb reagiert der Arbeitsmarkt spät. Steigt die Arbeitslosigkeit deutlich, ist der Abschwung meist schon da.
Die Börse. Aktienkurse spiegeln Erwartungen, nicht den heutigen Stand. Anleger handeln, was sie für die nächsten Monate erwarten. Deshalb fallen Kurse oft schon, während die Wirtschaft noch wächst, und steigen wieder, während die Nachrichten noch schlecht sind.
Warum die Börse nicht auf die Konjunktur wartet
Viele Anleger warten auf das Ende der Rezession, um wieder einzusteigen. Das Ende sehen sie aber erst in den Zahlen, und die Zahlen kommen spät. Bis das BIP wieder wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt, haben die Kurse oft schon einen guten Teil der Erholung hinter sich. Die Konjunktur sagt dir also, wo die Wirtschaft war. Die Börse handelt, wo sie hinwill.
Für mich heißt das: Ich nutze die Konjunkturdaten, um die Lage zu verstehen. Als Kaufsignal nutze ich sie nicht.
Märkte atmen
Jeder Markt bewegt sich in Zyklen. Aktien, Immobilien, Rohstoffe, sogar Luxusuhren. Ich vergleiche das gern mit dem Atmen. Beim Einatmen hebt sich der Brustkorb, beim Ausatmen sinkt er. Zu schnelle Anstiege korrigiert der Markt meist wieder, zu schnelle Rückgänge auch.
Es kann nicht immer nur nach oben gehen. Irgendwann wollen Anleger Gewinne mitnehmen und verkaufen. Und eine gesunde Firma kann nicht beliebig lange fallen. Irgendwann ist sie so günstig, dass Käufer kommen. Bei einem soliden Unternehmen folgt auf einen Kursverlust mit der Zeit wieder ein Anstieg und auf einen Anstieg wieder ein Rücksetzer. Das ist normal und kein Grund für hektische Entscheidungen.
Antizyklisch denken
Wer kauft, wenn alle begeistert sind, zahlt meist einen hohen Preis. Wer verkauft, wenn alle Angst haben, verkauft meist billig. Antizyklisch denken heißt, die Stimmung zu erkennen und sich nicht von ihr treiben zu lassen.
Zwei Gefühle machen das schwer. Das eine ist die Angst, etwas zu verpassen. Steigen die Kurse seit Monaten, will man dabei sein, egal zu welchem Preis. Das andere ist die Panik im Absturz. Beides kostet Geld. Wie nervös der Markt gerade ist, zeigt der Volatilitätsindex. Auf der Seite VIX aktuell erkläre ich die Börsenampel, die ich jeden Tag daraus berechne.
Warum ich den Wendepunkt nicht erraten will
Den perfekten Einstieg im Tief und den perfekten Ausstieg im Hoch trifft fast niemand. Das ist keine Schwäche, das ist Statistik. Eine euphorische Phase kann der Anfang einer noch euphorischeren sein. Ein Absturz kann der Anfang eines noch tieferen sein. Die Wendepunkte stehen erst fest, wenn sie vorbei sind.
Ich setze mir deshalb nicht das Ziel, den Wendepunkt zu treffen. Ich schaue, ob die Stimmung gerade eher euphorisch oder eher ängstlich ist, und ob eine Firma ihren Preis wert ist. In einer ängstlichen Phase sind starke Unternehmen oft günstiger zu haben. Ein Sportwagen zum Preis eines Motorrollers, solange die Firma dahinter gesund bleibt.
Viele Anleger lösen das Timing-Problem anders. Sie investieren in festen Abständen, egal in welcher Phase. Im Tief kaufen sie dann automatisch mehr Anteile für dasselbe Geld. Wie sich das über mehrere Zyklen rechnet, kannst du im ETF-Sparplanrechner mit deinen eigenen Zahlen prüfen.
Was der Zyklus für dein Depot bedeutet
Der Konjunkturzyklus erklärt, warum es an der Börse nie nur nach oben geht. Er sagt dir nicht, wann du kaufen oder verkaufen sollst. Drei Dinge nehme ich aus ihm mit.
Erstens: Abschwünge gehören dazu. Seit 1945 kamen sie in den USA im Schnitt alle gut sechs Jahre. Wer das weiß, wird vom nächsten nicht überrascht.
Zweitens: Die Börse ist schneller als die Statistik. Wer auf die offizielle Bestätigung wartet, kommt spät.
Drittens: Vorbereitung schlägt Vorhersage. Meine Gedanken zur Geldanlage in schwierigen Zeiten findest du im Artikel Geldanlage in Krisenzeiten.