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Konjunkturzyklus: Die vier Phasen und woran du sie erkennst

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Der Konjunkturzyklus ist das wiederkehrende Auf und Ab der Wirtschaft. Er hat vier Phasen: Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung und Tief. Ein typischer deutscher Zyklus dauert etwa vier bis fünf Jahre. In den USA dauerten Abschwünge seit 1945 im Schnitt 10,3 Monate, Aufschwünge 64,2 Monate. Wo genau wir gerade stehen, zeigt sich oft erst im Rückblick.

Was der Konjunkturzyklus beschreibt

Die Wirtschaft wächst nicht gleichmäßig. Sie wächst in Wellen. Mal kaufen Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland mehr, mal weniger. Mit der Nachfrage steigen oder sinken Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Eine ganze Welle, von einem Aufschwung bis zum nächsten, nennen Ökonomen einen Konjunkturzyklus.

Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt im Lexikon der Wirtschaft vier Größen, die den Verlauf bestimmen: die Nachfrage der privaten Haushalte, die Investitionen der Unternehmen, die Einnahmen und Ausgaben des Staates sowie Importe und Exporte. Dazu kommt etwas, das in keiner Statistik steht: Stimmung. Optimismus verstärkt einen Aufschwung, Pessimismus einen Abschwung.

Ich habe diesen Artikel 2023 zum ersten Mal geschrieben, damals für Krypto-Anleger. Hier steht die überarbeitete Fassung für alle, die Aktien und ETFs halten. Die Phasen sind dieselben geblieben.

Die vier Phasen

1. Aufschwung

Die Wirtschaft wächst. Unternehmen bekommen mehr Aufträge, stellen ein und investieren. Die Arbeitslosigkeit sinkt, meist mit etwas Verzögerung. Weil mehr Menschen Arbeit haben, kaufen sie mehr. Das stützt den Aufschwung von selbst. Die Bundeszentrale nennt diese Phase auch Erholung oder Expansion.

2. Hochkonjunktur

Die Wirtschaft läuft auf hohen Touren. Viele Betriebe arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze. Die Nachfrage ist größer als das, was kurzfristig produziert werden kann. Deshalb steigen die Preise oft schneller. Zentralbanken reagieren darauf in der Regel mit höheren Leitzinsen. Kredite werden teurer, Investitionen lohnen sich weniger. Das bremst.

3. Abschwung

Nachfrage und Investitionen sinken. Unternehmen fahren die Produktion zurück und stellen weniger ein. Dauert der Rückgang länger und erfasst er weite Teile der Wirtschaft, spricht man von einer Rezession. In den Medien gilt oft eine Faustregel: Sinkt das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge, ist das eine technische Rezession. Der Sachverständigenrat datiert genauer. Er orientiert sich an den Verfahren des NBER für die USA und des CEPR für den Euroraum und schaut auf viele Daten gleichzeitig, beschrieben in seinem Arbeitspapier 13/2018.

4. Tief

Die Wirtschaft erreicht ihren Boden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Betriebe sind schwach ausgelastet. Zentralbanken senken in dieser Phase meist die Zinsen, Regierungen stützen die Nachfrage. Ist das Tief besonders tief und lang, heißt es Depression. Danach beginnt der nächste Aufschwung, und der Zyklus startet von vorn.

Die Grenzen zwischen den Phasen sind fließend. Kein Zyklus läuft wie der vorige. Die vier Phasen sind ein Modell, kein Fahrplan.

Wie lange ein Zyklus dauert

Für Deutschland hat der Ökonom Till Strohsal den Zyklus vermessen. Sein Ergebnis im Wirtschaftsdienst 2018: Ein typischer deutscher Konjunkturzyklus dauert etwa vier bis fünf Jahre. Der Sachverständigenrat hatte bei seiner Veröffentlichung 2022 für Deutschland seit 1950 sechs Rezessionen und sieben Aufschwünge datiert. Den jüngsten Hochpunkt legte er auf das vierte Quartal 2019, kurz vor der Corona-Rezession.

Für die USA gibt es die längste Reihe. Das NBER führt eine Tabelle aller Aufschwünge und Abschwünge seit 1854. Die Durchschnitte:

Zeitraum Abschwung Aufschwung Zyklus von Tief zu Tief
1854 bis 2020 17,0 Monate 41,4 Monate 58,4 Monate
1945 bis 2020 10,3 Monate 64,2 Monate 74,5 Monate

Seit 1945 sind die Abschwünge also kürzer geworden und die Aufschwünge länger. Die Durchschnitte verdecken aber große Unterschiede. Die Corona-Rezession dauerte in den USA zwei Monate, die Finanzkrise von Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte 18 Monate. Der Aufschwung dazwischen lief 128 Monate. Die Große Depression dauerte vom August 1929 bis zum März 1933, also 43 Monate.

Vier Indikatoren für die aktuelle Phase

Ob ein Abschwung begonnen hat, steht offiziell erst Monate später fest. Diese vier Zahlen zeigen früher, wohin es geht.

Bruttoinlandsprodukt. Das BIP misst alles, was in einem Land produziert wird. Das Statistische Bundesamt meldet es jedes Quartal. Es ist die wichtigste Zahl, kommt aber spät und wird oft nachträglich korrigiert.

ifo-Geschäftsklimaindex. Das ifo-Institut befragt jeden Monat Tausende Unternehmen zu ihrer Lage und zu ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Das ifo selbst nennt den Geschäftsklimaindex den wichtigsten Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Er dreht oft, bevor sich das BIP bewegt.

Arbeitslosigkeit. Unternehmen entlassen erst, wenn sie sicher sind, dass die Aufträge wegbleiben. Und sie stellen erst wieder ein, wenn der Aufschwung trägt. Deshalb reagiert der Arbeitsmarkt spät. Steigt die Arbeitslosigkeit deutlich, ist der Abschwung meist schon da.

Die Börse. Aktienkurse spiegeln Erwartungen, nicht den heutigen Stand. Anleger handeln, was sie für die nächsten Monate erwarten. Deshalb fallen Kurse oft schon, während die Wirtschaft noch wächst, und steigen wieder, während die Nachrichten noch schlecht sind.

Warum die Börse nicht auf die Konjunktur wartet

Viele Anleger warten auf das Ende der Rezession, um wieder einzusteigen. Das Ende sehen sie aber erst in den Zahlen, und die Zahlen kommen spät. Bis das BIP wieder wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt, haben die Kurse oft schon einen guten Teil der Erholung hinter sich. Die Konjunktur sagt dir also, wo die Wirtschaft war. Die Börse handelt, wo sie hinwill.

Für mich heißt das: Ich nutze die Konjunkturdaten, um die Lage zu verstehen. Als Kaufsignal nutze ich sie nicht.

Märkte atmen

Jeder Markt bewegt sich in Zyklen. Aktien, Immobilien, Rohstoffe, sogar Luxusuhren. Ich vergleiche das gern mit dem Atmen. Beim Einatmen hebt sich der Brustkorb, beim Ausatmen sinkt er. Zu schnelle Anstiege korrigiert der Markt meist wieder, zu schnelle Rückgänge auch.

Es kann nicht immer nur nach oben gehen. Irgendwann wollen Anleger Gewinne mitnehmen und verkaufen. Und eine gesunde Firma kann nicht beliebig lange fallen. Irgendwann ist sie so günstig, dass Käufer kommen. Bei einem soliden Unternehmen folgt auf einen Kursverlust mit der Zeit wieder ein Anstieg und auf einen Anstieg wieder ein Rücksetzer. Das ist normal und kein Grund für hektische Entscheidungen.

Antizyklisch denken

Wer kauft, wenn alle begeistert sind, zahlt meist einen hohen Preis. Wer verkauft, wenn alle Angst haben, verkauft meist billig. Antizyklisch denken heißt, die Stimmung zu erkennen und sich nicht von ihr treiben zu lassen.

Zwei Gefühle machen das schwer. Das eine ist die Angst, etwas zu verpassen. Steigen die Kurse seit Monaten, will man dabei sein, egal zu welchem Preis. Das andere ist die Panik im Absturz. Beides kostet Geld. Wie nervös der Markt gerade ist, zeigt der Volatilitätsindex. Auf der Seite VIX aktuell erkläre ich die Börsenampel, die ich jeden Tag daraus berechne.

Warum ich den Wendepunkt nicht erraten will

Den perfekten Einstieg im Tief und den perfekten Ausstieg im Hoch trifft fast niemand. Das ist keine Schwäche, das ist Statistik. Eine euphorische Phase kann der Anfang einer noch euphorischeren sein. Ein Absturz kann der Anfang eines noch tieferen sein. Die Wendepunkte stehen erst fest, wenn sie vorbei sind.

Ich setze mir deshalb nicht das Ziel, den Wendepunkt zu treffen. Ich schaue, ob die Stimmung gerade eher euphorisch oder eher ängstlich ist, und ob eine Firma ihren Preis wert ist. In einer ängstlichen Phase sind starke Unternehmen oft günstiger zu haben. Ein Sportwagen zum Preis eines Motorrollers, solange die Firma dahinter gesund bleibt.

Viele Anleger lösen das Timing-Problem anders. Sie investieren in festen Abständen, egal in welcher Phase. Im Tief kaufen sie dann automatisch mehr Anteile für dasselbe Geld. Wie sich das über mehrere Zyklen rechnet, kannst du im ETF-Sparplanrechner mit deinen eigenen Zahlen prüfen.

Was der Zyklus für dein Depot bedeutet

Der Konjunkturzyklus erklärt, warum es an der Börse nie nur nach oben geht. Er sagt dir nicht, wann du kaufen oder verkaufen sollst. Drei Dinge nehme ich aus ihm mit.

Erstens: Abschwünge gehören dazu. Seit 1945 kamen sie in den USA im Schnitt alle gut sechs Jahre. Wer das weiß, wird vom nächsten nicht überrascht.

Zweitens: Die Börse ist schneller als die Statistik. Wer auf die offizielle Bestätigung wartet, kommt spät.

Drittens: Vorbereitung schlägt Vorhersage. Meine Gedanken zur Geldanlage in schwierigen Zeiten findest du im Artikel Geldanlage in Krisenzeiten.

Häufige Fragen

Welche sind die 4 Phasen des Konjunkturzyklus?
Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung und Tief. Im Aufschwung wachsen Produktion und Beschäftigung. In der Hochkonjunktur sind die Betriebe stark ausgelastet und die Preise steigen oft schneller. Im Abschwung sinken Nachfrage und Investitionen, dauert das länger, spricht man von einer Rezession. Im Tief erreicht die Wirtschaft ihren Boden, danach beginnt der nächste Aufschwung.
Was ist Konjunktur einfach erklärt?
Konjunktur ist das Auf und Ab der gesamten Wirtschaft. Mal kaufen Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland mehr, mal weniger. Dann steigen oder sinken Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Die Wirtschaft wächst also nicht gleichmäßig, sondern in Wellen. Eine ganze Welle von einem Aufschwung bis zum nächsten heißt Konjunkturzyklus.
Wie lange dauert in der Regel ein Konjunkturzyklus?
Ein typischer deutscher Konjunkturzyklus dauert etwa vier bis fünf Jahre. In den USA lagen von 1945 bis 2020 im Schnitt 74,5 Monate zwischen zwei Tiefpunkten, also gut sechs Jahre. Einzelne Zyklen weichen stark davon ab. Der Aufschwung vor der Corona-Rezession dauerte in den USA 128 Monate.
Wie lange dauert eine Rezession?
In den USA dauerten Rezessionen von 1945 bis 2020 im Schnitt 10,3 Monate vom Hochpunkt bis zum Tiefpunkt. Die Spanne ist groß: Die Corona-Rezession 2020 dauerte zwei Monate, die Finanzkrise von Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte 18 Monate. Wie lange eine laufende Rezession dauert, weiß vorher niemand.
Wie lange dauert eine Wirtschaftskrise?
Das hängt davon ab, wie tief sie ist. Eine normale Rezession dauert meist Monate. Eine Depression ist ein besonders tiefes und langes Tief. Die Große Depression in den USA dauerte vom August 1929 bis zum März 1933, also 43 Monate. So lange Abschwünge gab es nach 1945 nicht mehr.
In welcher Konjunkturphase befinden wir uns aktuell?
Das lässt sich immer nur vorläufig sagen. Wendepunkte datiert der Sachverständigenrat erst im Nachhinein. Für eine aktuelle Einschätzung schaust du auf das Bruttoinlandsprodukt, das das Statistische Bundesamt jedes Quartal meldet, auf den monatlichen ifo-Geschäftsklimaindex und auf die Arbeitslosenzahlen. Für die Börse fasse ich die Lage im NeumannTerminal täglich im Makro-Score zusammen. Er misst den Markt, nicht die Konjunktur.
Wie ist die aktuelle Konjunkturprognose für 2026?
Ich nenne hier bewusst keine Zahl, weil jede Prognose mit der nächsten Ausgabe veraltet. Die aktuellen Prognosen für Deutschland veröffentlichen die Wirtschaftsforschungsinstitute in der Gemeinschaftsdiagnose im Frühjahr und im Herbst, der Sachverständigenrat in seinem Jahresgutachten im Herbst und die Bundesregierung in ihrer Frühjahrs- und Herbstprojektion.

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